Der Eisbär

Dass man ein Maschinenbau-Studium nur erfolgreich abschließen kann, wenn man mehr verstanden hat als die Funktionsweise eines Zweitaktmotors ist mir leider erst viel zu spät bewusstgeworden. Leider ist mir diese Erkenntnis vor sowie während meines Studiums nie gekommen. Und selbst wenn sie mir gekommen wäre, so hätte ich sie wahrscheinlich beiseitegeschoben. Mein zu der Zeit herrschender Ehrgeiz mich hätte wahrscheinlich daran gehindert mit irgendetwas vorzeitig aufzuhören, auch wenn die Chance auf Erfolg bei null Komma niemals steht.

Wie gerne habe ich mir während meiner Schulzeit Explosionszeichnungen von Zweitaktmotoren angeschaut. Explosionszeichnung, das heißt nicht, dass der Motor tatsächlich explodiert ist. Nein, hier wird lediglich eine visuelle Explosion vorgenommen, d. H. ein Motor wird vollständig in seine Einzelteile zerlegt und diese Einzelteile werden dann fein separat getrennt von allen anderen Teilen in einem Schema dargestellt, so dass man von nahem Blick zwar erkennt, dass es sich bei den Figuren und Formen lediglich um Einzelteile handelt, man aber von fern betrachtet trotzdem das Gefühl erhält, man müsste die ganzen Einzelteile lediglich wieder zusammenschieben und schon hätte man einen fertigen und wieder intakten Motor vor sich. Und ob sich ein Zweitaktmotor an einem Pocket-Bike, an einem Mofa oder an einem Roller befindet ist vollkommen egal. Das Grundprinzip ist immer das Gleiche. Verdichten, explodieren, verdichten, explodieren, verdichten – solange bis kein Benzin mehr im Tank ist und es nichts mehr zum Explodieren gibt. Ich habe dieses Prinzip dann irgendwann auf den Namen „Verdichten und Vernichten“ umgetauft. Obwohl – vernichtet wird hier ja höchstens das Benzin-Gas-Gemisch, was aber im Gegenzug eine ungeheure Menge an Energie freisetzt. Und mir wurde mitgeteilt, dass man Energie nicht vernichten kann, dass Energie also immer nur lediglich woanders hingeht und dort dann weiter vor sich hin energietisiert.

Also scheint es sich bei dem beschriebenen Vorgang vielmehr um einen sehr effizienten Energietransformationsprozess zu handeln. Von daher lieber wieder Verdichten, explodieren, Verdichten, explodieren – zwei Vorgänge, und daher auch zwei Takte. Ich habe es intuitiv verstanden als ich es zum ersten Mal gehört habe. Es kann gar nicht anders sein, ist mir irgendwann einmal in den Sinn gekommen. Das Prinzip in sich ist vollkommen logisch und abgeschlossen. Ich verstehe es noch immer und daher scheint Vieles dafür zu sprechen, dass es sich bei einem Zweitaktmotor um ein physikalisches Prinzip handelt. Denn diese Prinzipien bzw. Axiome bestehen ja eigentlich immer und können daher mit noch so viel Vorstellungskraft wahrscheinlich nicht einfach weggedacht werden. Und wahrscheinlich ist das das Gute an Physik: Wenn man gewisse Dinge einmal verstanden hat, dann kann man sich darauf verlassen, dass diese Prinzipien für immer Bestand haben werden, was einem gewiss eine gute Basis gibt um auf diesem Grundlagenverständnis aufzubauen und sein Wissen zu erweitern.

Jetzt aber verstehe ich tatsächlich gar nichts mehr und ich glaube nicht, dass ich das Recht besitze dies einzig und allein auf die Sprechweise und die Art des Erklärens meines Professors zurückzuführen. Denn ich nehme deutlich wahr, dass es in diesem Hörsaal Menschen gibt welche an seinen Lippen hängen, welche wahrscheinlich sogar in der Lage sind, die Worte zu erahnen welche in wenigen Sekunden aus seinem Mund erklingen werden. Mein Gehirn hat sich von dem Prinzip der zwei Takte (in diesem Fall also „Aufnehmen“ und „Verarbeiten“) längst verabschiedet. Hier stehen jetzt wirklich alle Zylinder still. Jeder Zündkerzenfunken ist hier längst erloschen, wenn man denn voraussetzt, dass er überhaupt mal für den Bruchteil einer Sekunde zum Leben erweckt worden war. Ich bin mir nicht mehr bewusst, ob mein Gehirn noch nach dem das Prinzip „Aufnehmen“ und „Verarbeiten“ handelt.

Ich schaue mich im Hörsaal um. Merkt man mir meine Blödheit an? Oder schaue ich doch noch ausreichend wissend und interessiert gespielt schauend nach vorne? Nicke ich noch in den richtigen Momenten? Wenn Dummheit weh tut dann sind die Synapsen welche bei mir für die Übertragung von Schmerz verantwortlich sind wahrscheinlich wegen der recht hohen und intensiven Übertragungsrate längst aufgrund von Überanstrengung abgestorben. Ich bin intellektuell tot. Ich habe keine geistigen Kapazitäten mehr um auch nur im Geringsten nachvollziehen zu können was mir hier gerade im Moment vermittelt wird. Wenn jetzt ein Zeitungsartikel erscheinen würde, der darlegt, dass Eisbären in der Wüste eine Überlebenschance eingeräumt wird auch wenn sie minimal klein ist, mich würde es wohl instinktiv Richtung Sahara ziehen, denn ich sterbe hier einen schleichenden und daher umso grausameren Tod. Hier ist jetzt wirklich gar nichts mehr zum Lachen. Da mein Geist mit der permanenten Überkonzentration längst aufgehört hat dürfte man den drohenden Tod in meinem Gesicht nun auch deutlich erkennen. Überkonzentration – der heilige und wahrscheinlich desaströse Zustand den man einnimmt, wenn man merkt, dass man nicht mehr richtig mitkommt, nur um dann nach ein paar Minuten festzustellen, dass man sich so stark konzentrieren kann wie man kann und will. Es bringt nichts. Man wird dieses Level schon recht bald wieder verlassen. Man bekommt jetzt noch weniger mit, denn am Konzentrationslimit ist Energie ein rares Gut. Und dass rare Güter, oder wie es seit meinen ersten Lesungen in „Einführung in die Betriebswirtschaftslehre“ nun offiziell heißt, „knappe Güter“ oftmals wertvoll sind und man deswegen besser auf sie Achtgeben sollte habe ich wiederum im ersten Moment instinktiv verstanden.

Und deswegen versuche ich nun auch gar kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, dass ich das Konzentrationslimit nach kurzer Zeit erschöpft wieder verlassen habe. Über einen Zeitraum von 90 Minuten lang halte ich diese Überkonzentration nicht durch. Was ich jetzt aber durchhalten muss sind 90 Minuten Zeiteinsatz meines Lebens für einen Themenbereich welcher in mir nicht für den Bruchteil einer Sekunde zum Erleben erweckt. Denn verlassen werde ich diese Vorlesung nicht. Nicht, dass es nicht Gang und Gebe wäre, dass Kommilitonen nach Belieben erst 15 Minuten nach Vorlesungsbeginn erscheinen und 20 Minuten vor dem Ende schon wieder aufbrechen. Aber das kann ich nicht. Objektiv betrachtet wird hier gerade Wissen vermittelt, und dieses Wissen werde ich wahrscheinlich anwenden müssen können, wenn ich diese Klausur bestehen will. Ein Narr, wer vor dieser gratis Wissensvermittlung flieht. Wärst du mal besser in der Vorlesung geblieben. Da wurde es doch erklärt. Ich würde mir diesen Vorwurf nie verzeihen. Im Unterbewusstsein muss nun also genug hängen bleiben, sodass ich die Fragen in der Klausur dann einfach aus dem Unterbewusstsein beantworte. So lautet ab jetzt mein Plan. Denn einen anderen habe ich nicht mehr. Kampf und Flucht haben sich als zwecklos erwiesen. Ich bin erstarrt aber immerhin noch passiv empfänglich für alles was jetzt auf mich hereinstrahlt. Ich krieg das schon irgendwie hin.

Auf jeden Fall kann ich nicht mehr leugnen, dass es echt nicht gut ist, dass ich die Wirkung, die Existenz und generell das Warum von Freiheitsgraden immer noch nicht verstanden habe. Freiheitsgrad ist das, in welche Richtung sich ein Körper bewegen kann, wurde mir erklärt. Der Körper kann sich überall hinbewegen, denke ich mir. Nein, schau doch mal, der ist hier befestigt, also kann der sich in diese Richtung nicht frei bewegen. Na dann nehme ich halt das Teil an dem der Körper befestigt ist und schiebe es ebenfalls mit. Dann kann sich der ursprüngliche Körper sehr wohl dorthin bewegen. Nein, so darfst du das nicht sehen. So gilt das nicht. Das ist kein echter Freiheitsgrad.

Der kreative Teil in meinem Gehirn ist mit dieser starren Logik schlichtweg überfordert. Hier soll mit Zwang etwas in ein Korsett gepresst werden was sich mir nicht erschließt. Mir erschließt sich der Sinn nicht. Mir helfen da auch weitere Zeichnungen mit spitzen Pfeilen welche alle in andere Richtungen zeigen, sich aber im Gesamten wohl wieder irgendwie ausgleichen, nicht weiter. Was ich verstanden habe ist, dass es sich hierbei wohl um das absolute Grundlagenwissen handelt, also in etwa vergleichbar mit der Tatsache, dass man als Motorenbauer verstanden haben sollte, dass Benzin generell gut entzündlich ist oder dass man als Pilot schon mal was davon gehört haben sollte, dass ein Flugzeug schwerer ist als Luft. Wieder und wieder werden diese Zeichnungen mit dem Projektor vorne an die weiße Wand geworfen, und bei jedem Abzeichnen denke ich mir, jetzt muss doch mal irgendetwas von diesem Wissen bei mir ankommen. Da aber gleichzeitig in meinem Gehirn die Begriffe „Depp“ und „Idiot“ auftauchen sind sich in der mir nahen Umgebung die Parteien momentan anscheinend nicht so richtig einig für welchen Zustand man sich jetzt gerade entscheiden sollte. In meiner Erstarrung führe ich nur noch aus. Sobald vor mir auf der weißen Wand ein neues Bild erscheint, dann sind die Stifte innerhalb weniger Sekunden wieder in meiner Hand und sie sind nicht damit beschäftigt einen Liebesbrief zu schreiben. Hier ist keine Liebe, hier ist keine Zuneigung, hier ist noch nicht mal Annäherung. Was hier noch übrig ist, ist lediglich der Wille sich nicht selber eingestehen zu müssen, dass Eisbären und Wüsten wahrscheinlich doch nicht so gut zusammenpassen und dass folgerichtig so etwas wie ein falscher Ehrgeiz wohl tatsächlich existiert. Ich bin hier vollkommen fehl am Platz, und wenn ich nicht innerhalb meiner Erstarrung monotone Umsetzungsaufgaben absolvieren würde dann wäre da wohl etwas Kapazität für einen Moment der Trauer. Aber für diesen hat dieses Konstrukt welches mich gerade umgibt wohl keinen Freiheitsgrad vorgesehen.