Ich schaue sie an. Jitsuko arbeitet an einem neuen Übersetzungstext. Sie wirkt sehr konzentriert. Sie scheint ihre Arbeit sehr ernst zu nehmen auch wenn ich den Eindruck habe, dass sie sich dem Übersetzen von Texten primär aus finanziellen Gründen widmet. Auf der anderen Seite hat sie mir bisher noch nicht gesagt was sie stattdessen lieber machen würde. Mir gefällt, dass sie wirklich arbeitet. Zumindest in meinen Augen. Ich glaube die letzten Monate zeugen allmählich von ihrer Wirkung. Ich bin zu vielen Situationen begegnet in denen Menschen erwähnt haben an was sie gerade arbeiten. Ob dabei aber auch wirklich Geld geflossen ist stand irgendwie nie im Vordergrund. Und das ist beim Aufbau eines Ein-Personen-Start-Up’s ja auch gar nicht der entscheidende Punkt. Daran gibt es nichts zu kritisieren. Vielleicht fällt mir deswegen der Kontrast jetzt so stark auf. Denn während ich Jitsuko beim Übersetzen beobachte bin ich meilenweit davon entfernt an die nächste große Geschäftsidee zu denken. Vielmehr scheine ich mich tatsächlich eher zu wundern, dass Übersetzungsaufträge immer noch von menschlicher Hand übernommen werden und sich demnach noch keine Business-Version von Google Translator durchgesetzt hat. Moment, eine neue Geschäftsidee? Aber ist das nicht zu offensichtlich? Hätte doch schon längst jemand umgesetzt. Ist die Technik noch nicht so weit? Mir egal. Ich bin wie gesagt viel zu beeindruckt davon, dass Jitsuko im Gegensatz zu mir wirklich arbeitet. Leistung gegen Lohn. Do you want to discuss about that?
Sie verdient echtes Geld. Ein Auftraggeber wird ihr nach dem Abschicken des Textes ihr Honorar überweisen. Das ist dann ihr eigenes verdientes Geld. Ob man beim Übersetzen eines Textes auch etwas von seiner eigenen Persönlichkeit mit einfließen lassen kann? Wohl eher nicht. In meiner Vorstellung wird ja gerade deswegen ein Mensch beauftragt anstelle einer Maschine um auf’s Messer genau und wortgetreu niederzuschreiben was dort im Originaltext steht, was das Einfügen einer eigenen Interpretation ja irgendwie ausschließt. Basierend auf dieser Definition scheinen Texte in ausländischer Sprache welche es zu übersetzen gilt einen wahrscheinlich nicht gerade anzuschreien mit den Worten “bitte gehe kreativ mit mir um“. Aber warum gibt es dann über so viele historisch chinesischsprachige Schriften immer noch so viel Uneinigkeit? Wenn ein Schriftzeichen nun also mehrere Bedeutungen haben kann, dann müsste man wohl doch wieder kreativ werden und anfangen zu interpretieren, müsste das Zeichen in den Satz einbinden, den Satz in den Abschnitt, den Abschnitt in den gesamten Text und den Text in das Wesen des Person die den Text verfasst, hat, das dann alles miteinander verknüpfen und jetzt bitte alle mal von links nach rechts und wieder zurück jeden der an der Entstehung dieser Schrift beteiligt gewesen war fragen was genau dieses Zeichen jetzt bedeutet. Jetzt wo ich soweit gedacht habe wird mir plötzlich unangenehm bei dem Gedanken daran wie viele auf Deutsch übersetzte Bücher ich bereits gelesen habe und wie wenige in der Originalausgabe. Wenn der Übersetzer unsympathisch war und dazu noch eine Partei gewählt hat die mich nicht anspricht, hat er mir dann in der von ihm übersetzten Auflage eigentlich das Richtige erzählt? Oder hat er heimlich gedacht “dem Blödmann kann ich’s ja erzählen, der wird nie einen Blick in die Originalausgabe werfen und wenn doch dann versteht er sowieso kein Wort, her mit der Kohle“. Ich habe den Eindruck, dass Jitsuko keine Sach- und Fachliteratur übersetzt. Also gefühlt weniger Fehlerpotential für eine missverständliche Formulierung. Vielleicht eine Einladung eines Diplomaten an ein ausländisches Regierungsmitglied? Dear Mr. High Important One, It’s with our great pleasure to invite you to und so weiter und so fort bis die Sekretärin die das Schreiben als erste liest den für sich relevanten Satz identifiziert hat auf dem basierend man dann zu- oder absagt. Wie, Royal No. 1 wird auch anwesend sein? Sag zu, Ursula.
Aber trotzdem scheint es herausfordernd zu sein. Jitsuko legt alle fünf Minuten den Kopf etwas auf die Seite und schaut nach links oben. Ich liege auf dem Bett hinter ihrem Schreibtisch. Ihr Rücken ist mir zugewandt. Nur ihre Augen erkenne ich in diesem Moment sehr genau, welche in der linken oberen Ecke des Raumes nach der nächsten treffenden Formulierung suchen. Sie sieht dabei sehr süß aus. Wenn ich nicht wüsste, dass sie bestrebt ist ihren Text zu Ende zu übersetzen dann würde ich ihren Blick so deuten als ob sie dort oben in der Zimmerecke zwei Mäuse beobachtet welche sich liebevoll aneinanderschmiegen. Friedlich, zahm, innere Ruhe, Glück. In diesem Moment vergesse ich nahezu vollkommen wie sie vor zwei Monaten im thailändischen Regenwald mehrere Steine nach zwei streunenden und ihrer Ansicht nach uns bedrohende Hunde geworfen hat. Der Moment dauert immer ca. fünf Sekunden, dann Kopf wieder nach rechts, Blick geradeaus, Augen rein in den Laptop und zielgerichtet und ohne Kompromiss Our Mayesty will be accompanied by sag zu. Jitsuko verdient sich mit jeder Zeile ihr Geld. Ich sinniere über die Fertigstellung meiner nächsten Einsendearbeit sowie den nächsten Trade ohne zu wissen ob ich damit Geld verdienen oder Geld verlieren werde. Was sie macht ist irgendwie ehrlicher. Can you please translate this for me? Yes, sure – this will make so und so viel. I will deliver within the next two days. Great – looking forward to work with you again. Sätze die ich nie höre. Alltag für sie. Kaufen oder Verkaufen, das ist in meinem Gehirn die Frage. Kein Kunde. Nur der Markt. Nur ich. Und die anderen. Alle genau wie ich. Keiner der mich bezahlt. Wir sind alle Händler. Zu einem bestimmten Preis kaufen und später etwas teurer verkaufen. Oder genau andersherum, also zuerst verkaufen und dann später etwas günstiger wieder zurückkaufen. Gerade Zweiteres bekommt man nicht so einfach jemand anderem erklärt was aber primär daran liegt, dass man bei der Erwähnung des Wortes “Leerverkauf” als Gangster tituliert wird und die Bereitschaft zum Zuhören rapide sinkt. Ich würd’s dir ja erklären warum ich noch nicht im Gefängnis sitze aber ich bin nicht in der Bringschuld. Ich habe noch nie erlebt, dass Übersetzer als Gangster bezeichnet wurden. Vor meinen Augen vollzieht sich echte Arbeit. Jitsuko wird ihren Lohn erhalten. Sie weiß das, denn sie hat eine Leistung erbracht für die jemand bereit ist etwas zu bezahlen. Sie hat ihn sich verdient. Ich habe Respekt vor dieser Arbeitsmoral. Vielleicht verzeihe ich ihr deshalb diese leichte Aggressivität bzgl. dem Steine werfen und so. Ich lege die Einsendearbeit gedanklich zur Seite. Muss mich ja jetzt erstmal durch all die Original-Ausgaben meines bisherigen Bücherbestandes wälzen. Vielleicht doch eine kleine Gangsterin? Ich döse weg.