Noch eine Zigarette. Es wird die letzte sein für diesen Abend. Ich kann mich an keinen Abend erinnern an dem es zwei gewesen sind. Irgendwann ist Schluss. Genauso habe ich das Zigarettenrauchen immer betrachtet. Vom Anfang bis zum Ende begleite ich das glimmende Zigarettenleben welches mit dem letzten Zug unwiederbringlich erlischt. Man könnte jetzt zu einem neuen Leben ansetzen, also einfach eine weitere Zigarette aus der noch halbvollen Plastikbox ziehen und den Weg von vorne bestreiten. Ein neuer Zug, ein neues Glück.
Doch ist mir dieses Wiederholen von etwas erst kürzlich Erlebtem schon immer unangenehm gewesen, und somit gilt der ersten Zigarette stets meine volle Aufmerksamkeit. Weil ich weiß, danach ist erstmal Schluss. Schluss mit dem überdurchschnittlich lange anhaltenden Inhaliervorgang, an welchen sich ein noch überdurchschnittlich langer Ausatemprozess anschließt. Eine paradoxe Kombination eines objektiv gesundheitsschädlichen Prozesses sowie eines subjektiv als positiv empfundenen Gesundheitskicks. Die Überlistung von Geist und Gehirn, die erlaubte Pause, die Balance zwischen sich mit nervös umherfliegenden Gedankenfetzen selbst beobachtend welche im Umherwirren versuchen einen Landeplatz ausfindig zu machen auf dem weder Parkgebühren bezahlt werden müssen noch irgendwelche Befehle zu erwarten sind in Form von „Motoren aus“ oder „jetzt bitte endgültige Parkposition einnehmen“. Das gerade Erlebte, oder besser gesagt, die vergangenen zehn Minuten während derer ein rasch entzündetes und ebenso rasch erloschenes Zigarettenleben meinen derzeitigen Daseinszustand begleitet hat, wird sich am heutigen Abend nicht wiederholen. So bleibt es ein einmaliger und einzigartiger Vorgang, ausschließlich in meiner Erinnerung, denn wem würde man davon schon erzählen.
Und so einzigartig und unwiederbringlich das hier eben auch war, so fällt mir doch auf, dass die Abende mittlerweile doch immer nach dem gleichen Muster verlaufen. Nicht weiter verwunderlich, denn die Einflussfaktoren, welche für etwas Abwechslung während des Rauchens sorgen könnten, sind hier oben im dritten Stockwerk im tiefsten Winter doch sehr begrenzt. Ich mache mir nicht die Mühe, mir die Farbe oder die Größe der vorbeifahrenden Autos zu merken, welche sich auf der dreispurigen Hauptstraße links meines Balkons Richtung Innenstadt bewegen. Ein Teil dieser Autos wird lediglich einmalig hier vorbeigefahren sein, ein anderer Teil wiederum wird zur Gruppe Berufspendler gehören, immer gleiche Zeit, immer gleiches Tempo, berechenbar, gleichbleibend, also wie gesagt – potenzieller Abwechslungseinfluss stark reduziert. Rechts meines Balkons läuft die Nebenstraße in einem 45 Grad Winkel auf die Kreuzung zu, welche die Autofahrer von der Hauptstraße daran hindert, hier mit stark überhöhtem Tempo vorbeizuziehen. Potenzial hat die Hauptstraße nämlich – bis zur Innenstadt sind es ca. 1,5 km und es geht ausschließlich geradeaus. Am Ende der Hauptstraße befindet sich der Hauptsitz der Polizeidirektion, aber es ist unwahrscheinlich, dass von dort aus ein Beamter ein Fernrohr auf die sich vor meinem Balkon befindliche Kreuzung gerichtet hat, um etwaige Verkehrsverstöße zu registrieren. So bleibt mir lediglich der freie Blick geradeaus, zwar verschont von einem mich direkt anblickenden Fernrohr, aber wie gesagt auch verschont von allem, was mich dazu bringen könnte, die Zeit hier auf dem Balkon noch weiter in die Länge zu ziehen.
Den größten Teil meiner Zeit verbringen meine Augen wieder innerhalb des roten Lichtballs der Ampelanlage welcher die Autofahrer der Nebenstraße in ihrem Vorwärtskommen beeinträchtigt. Ob das gerecht ist, dass die Rotphase der Nebenstraße viel länger ist als die der Hauptstraße? Wer schneller vorankommen muss, hat im Straßenverkehr augenscheinlich längere Grünphasen als Rotphasen. Doch auch das Wechselspiel der Ampelbeleuchtung befriedigt mein Gehirn nicht in ausreichendem Maße, um mein selbst veranstaltetes Rauchevent zu einem Abwechslungsmarathon oder einem festlichen Anlass aufsteigen zu lassen. Nach ein paar Betrachtungen ist der Trick erkannt, das orangefarbene Licht hat augenscheinlich die Arschkarte gezogen und erwacht im 60-Sekunden-Rhythmus ausschließlich zweimal für drei Sekunden zum Leben, ehe es entweder vom penetranten und alles dominierenden Rotlicht zerdonnert wird oder vom sich zwar freundlicher wirkenden aber nicht minder grellen und aufmerksamkeitsschreienden Grünlicht in die elektromagnetische Unterwelt verfrachtet wird. Man könnte jetzt jedem der einzelnen Lichter eine Stimme geben aber das demokratische Prinzip würde hier wohl nicht viel bewirken. Das orangefarbene Licht ist das Schaf und das Rotlicht sowie das Grünlicht sind die beiden Wölfe die bestimmen was es zum Abendessen gibt. In diesem hier präsentierten und suggerierten demokratischen Prozess erkenne ich, zwar leicht vom Nikotin benebelt, aber doch immerhin ganz klar, dass sich hier vor meinen Augen eine extreme Ungleichheit abspielt, welche sich seit meinem Einzug in diese Wohnung nicht geändert hat. Es scheint, dass diese Ungleichheit auf deutschen Straßen eine lange Tradition besitzt. Ist es vielleicht also doch so, dass diese Ungleichheit letztlich doch zu Gerechtigkeit führt oder zumindest zu einer Situation führt welche gar nicht so schlimm ist, welche man aushalten kann, welche dann doch allen zugutekommt, die man also tolerieren kann und die nicht schädlich ist? Denn sonst hätte man diese Ungleichheit ja längst beseitigt, versuche ich mir selber zu erklären, um meinen Gedankenstrudel nicht weiter zu verstärken, denn das Nikotin soll mich ja schließlich in andere Welten führen und nicht zurück in eben jene, aus der ich gerade geflohen bin.
Und wahrscheinlich ist es genau aus diesem Grund keineswegs verwunderlich, dass meine Aufmerksamkeit in dieser Nacht primär externen künstlichen Lichtquellen gilt, welche einen angenehmen Kontrast zur völligen Leere dieser abgeschiedenen Dunkelheit herstellen. Die roten Rücklichter der Autos welche sich weiterhin mit innerorts üblichem Tempo Richtung Innenstadt bewegen werden wohl niemals die entgegenkommenden weißen Frontlichter der die Innenstadt verlassenden PKW auf der Gegenspur erblicken. Und das orangefarbene Licht der unfair geschalteten Ampelanlage wird wohl niemals bemerken, dass im Rücken der Ampelanlage auf dem gegenüberliegenden Fabrikgelände ein sich drehendes orangefarbenes Warnlicht das Öffnen und Schließen des Fabriktores anzeigt, obwohl dieses wahrscheinlich sekundär dem Ampellicht verdeutlichen will: Du bist nicht allein.
Und so bin ich an diesem Abend wieder der Vermittler, während ich das sich drehende Warnlicht hinten links neben der Kreuzung erblicke und meine Sehkraft dann auf den Ort richte an dem das orangefarbenen Ampellicht soeben erloschen ist und schließlich meine geistige Energie auf diesen Ort übertrage, bis das orangefarbene Ampellicht schließlich für ein paar Sekunden meine Rufe bzw. die des Warnlichtes erhört nur um sich kurze Zeit später wieder von uns zu verabschieden. Bis zum nächsten Wiedersehen, was an diesem Abend stets lediglich ca. 20 Sekunden dauert. Und so ist auch jedes rote Glimmen der Zigarette vor mir ein Wiedersehen mit – ja mit wem eigentlich? Doch von all den Lichtern um mich herum, von all dem Geflackere und von all dem Leuchten, ist mir das rote Glimmlicht am nächsten von allen, und mit jedem Zug kommt es ein Stück näher, nur um mich zu verlassen, in dem Moment, wo es so nahe an mir ist, dass es die Möglichkeit hätte in mich hineinzukriechen. An dieser Stelle so kurz vor meinem Mund ist für das Glimmlicht jedes Mal Schluss, ja, es besteht freilich keine Chance, dass das Glimmlicht mal mein Inneres erblickt. Vielleicht ist das aber auch genauso gewollt und eine tiefergehende Begegnung mit meinem Inneren somit vielleicht auch gar nicht notwendig. Denn seitdem das rote Glimmlicht entfacht und die Zigarette zum Leben erweckt worden ist, bin ich es ja schließlich, der sein Innerstes in dieses leuchtende Licht hineinprojiziert und vielleicht gehört es einfach zum guten Ton oder es ist eine Art Schutzreflex vor zu viel Information, dass das Glimmlicht keine Überdosis verträgt und sich deshalb für den sicheren Tod durch Erlöschen entscheidet. Das Glimmlicht jedenfalls wird jeden Abend auf´s Neue von mir missbraucht, es ist mein Sklave, welchen ich jeden Abend dazu zwinge sich an meinem Beruhigungsprozess zu beteiligen nur um ihm im Anschluss zu zeigen, wer hier der Stärkere ist, wer hier wen überlebt. Ich gab ihm das Leben, ich nahm es mit dem letzten Atemzug und wo vor zehn Minuten noch zwei zueinander Gefundene inmitten dieser Dunkelheit die kalte Luft zusammen geatmet haben ist mein Balkon mittlerweile ein Friedhof alter Freunde deren Asche minütlich im Nachtwind verweht.