Meine ausgeprägte Beobachtungsgabe wird mir vermutlich nun doch langsam zum Verhängnis. Der Vorteil, wenn man in der letzten Reihe im Hörsaal ganz oben sitzt ist der, dass man alles und jeden im Blick hat. Ich registriere jede Bewegung, jeden Gesichtszug, jedes anerkennende Nicken, jedes kritische Stirnrunzeln und mir entgeht auch nicht, dass sich in jeder Vorlesung immer mindestens eine Person befindet, deren Kopf sich mit geschlossenen Augen auf einem Rucksack befindet und schläft. Der Nachteil an meiner momentanen Sitzposition ist der, dass man sich durch dieses ständige Herumschauen natürlich nicht mehr so sehr auf das Gesagte des Professors konzentrieren kann. Also, nichts wie ab in die erste Reihe? Aber dann habe ich die anderen wieder alle im Nacken. Dann bin ich der, der beobachtet wird. Will ich doch gar nicht. Ich will schauen. Nicht angeschaut werden. In der hinteren Reihe des Hörsaals kann ich meinem Bedürfnis viel besser nachgehen als vorne in der ersten Reihe. Streberreihe, wie Max sie neulich genannt hat. Aber Streber an der Uni sind in Wahrheit cool und nicht mehr so uncool wie die Streber in der Schule. In die Schule wurde man schließlich reingeworfen. Aus welchem Grund sollte man hier Bestleistung erbringen? Für die Uni jedoch hat man sich aus freien Stücken selber entschieden. Also her mit der Bestleistung. Wer sich an der Uni für das richtige Fach entscheidet, was ihn (A) interessiert, welches (B) seinen Fähigkeiten entspricht und welches (C) noch die Grundlagen seiner Persönlichkeitsmerkmale befriedigt der ist in der ersten Reihe natürlich goldrichtig. Und wer sich in jungen Jahren den Großteil seines Lebens an einer goldrichtigen Position befindet, der hat mit einer höheren Wahrscheinlichkeit später ein besseres Leben als jemand der zwischen Maulwurfshügeln umherwandert auf der Suche nach dem goldenen Schnatz. Wer an der Uni zum Streber wird, gehört später zu den Top-Absolventen, kann gegenüber potenziellen Arbeitgebern ziemlich hohe Ansprüche stellen und ist auf dem besten Wege sich einen Status zu erarbeiten welcher ihm im positiven Sinne das Ausleben einer großen Fresse ermöglicht. „Was ist das gute an Geld“? wird Klaus Zapf in der Dokumentation über sein Umzugsunternehmen von einem Reporter gefragt. „Es erlaubt mir eine große Fresse“. Genau da will ich doch hin. Sagen können was ich will. Ohne Rücksicht auf Verluste, solange ich niemandem wirklichen Schaden zufüge. Also ab in die erste Reihe?
Ich bleibe hier. Mein Bedürfnis nach Kontrolle behält die Oberhand. Ich habe das Konstrukt „Universität“ immer noch nicht richtig verstanden. Deswegen muss ich in der hintersten Sitzreihe bleiben. Nur von hier habe ich das große Ganze im Blick. Erstmal das verstehen. Später kann ich mich ja dann um die Details kümmern. Mit Details meine ich in diesem Fall so Dinge wie aufmerksam dem Professor zuhören, sinnvolle Notizen machen anstatt zu versuchen jedes Wort mitzuschreiben welches sowieso schon in den Skripten steht sowie mich mehr auf das Gesagte anstatt auf das Redetempo und die Körperhaltung des Professors zu konzentrieren. In dem Moment, in dem sich Herr Franke nach einem dreiminütigen Monolog wieder dem Publikum zuwendet und freundlich, leicht lächelnd und in einer wahnsinnig interessanten Kombination aus Selbstbewusstsein und Unbeholfenheit durch seine Brille ins Publikum schielt, habe ich alles von dem vergessen, worüber er die letzten drei Minuten referiert hat. Innerlich breche ich in ein absurdes Gelächter aus. Aus reiner Sympathie zu diesem Menschen, der da gerade vorne steht. Ich mag ihn. Aus dem einfachen Grund, weil er sich mit einer Thematik auseinandersetzt, die ihn vollends befriedigt. Menschen, die tun was sie mögen, sind attraktiv. Vollkommen automatisch entsteht natürliche Anziehung. Dagegen hat noch niemand ein Gegenrezept erfunden. Find your passion, brüllt uns Elon Musk aus dem Internet zu. Da vorne steht jemand, der sie für sich gefunden hat. Er wirkt auf mich aufrichtig und authentisch, auch wenn er vielleicht lieber in einem ruhigen Zimmer sitzend sich weiter seinen Forschungsarbeiten widmen würde. Ich habe Respekt vor ihm. Deswegen darf ich auch über ihn lachen. Ich lache ihn nicht aus. Ich lache mit ihm. Ich freue mich für ihn, dass er seiner Leidenschaft nachgeht. In einer Kombination aus Unbeholfenheit und Selbstbewusstsein. Wahnsinnig komisch. Trotzdem muss ich jedes Mal lachen. Vielleicht auch deswegen, weil Florian neben mir jedes Mal zuerst anfängt zu lachen, sobald sich Herr Franke von seinem Monolog löst und sich dem Publikum zuwendet. Zwar lacht auch Florian relativ leise und mehr innerlich, aber ich kenne Florian nun schon zu lange, sodass ich in der Lage bin sein Gesicht zu lesen auch wenn wir beide geradeaus zu Herrn Franke blicken. Irgendwie fühle ich uns drei als relativ starke Einheit. Wir sind miteinander verbunden. Vielleicht erlaube ich mir mein Lachen auch deswegen, weil mir Statistik tatsächlich gefällt. Ich werde diese Prüfung bestehen. Obwohl ich auch während dieser Vorlesung wieder das Gefühl habe, dass ich wahrscheinlich eine bessere Note erzielen würde, wenn ich in der Zeit, während die Vorlesung stattfindet die Aufgaben aus den Altklausuren durchrechnen würde, welche die Fachschaft zur Verfügung stellt. Aber ich schaffe es nicht, mich von dem Schauspiel, was sich jedes Mal über eine Länge von 90 Minuten vor meinen Augen abspielt zu verabschieden: 20% sind grundlegende Erkenntnisse, bei deren Hören man sofort einschläft, die man aber anscheinend nochmal benennen muss, um die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Weitere 20% zeichnen sich dadurch aus, dass das Gesagte die zu einem unmittelbaren Endorphinausstoß führende und daher glückbringende Bemerkung „klausurrelevant“ enthält und die übrigen 60% des Gesagten sind Entertainment für die Streber aus der ersten Reihe. Zu viele Jahre habe ich mit Online-Poker verbracht, um in Statistik durchzufallen. Die grundlegenden Erkenntnisse beherrsche ich und vor der Klausur hämmere ich mir einfach die weiteren 20% „klausurrelevant“ rein. Das ergibt dann 40% und damit erziele ich ein sehr gutes Ausreichend. Herr Franke dreht sich wieder zu Florian und mir um. Ich muss lachen. In Elemente der technischen Mechanik habe ich noch nie gelacht. Diese Arroganz würde ich mir nie verzeihen. Ich spüre bereits jetzt, dass irgendwann alles auf mich zurückfallen wird. Jedes Lachen meinerseits würde mich in der Retrospektive traurig stimmen. Traurig über die Tatsache, welche Arroganz ich mir hier gerade erlaube. Jedes Lachen meinerseits würde meine Kommilitonen dazu ermutigen, ebenfalls zu lachen. Worüber sie dann lachen könnten wäre ich, der zu blöd ist zu erkennen, dass er im falschen Fach sitzt. Jedes Lachen in Elemente der technischen Mechanik würde mich von dem Versuch ablenken, meinen Prozentsatz zu erhöhen etwas von dem zu verstehen was der Professor uns vermittelt. Momentan stehe ich bei ca. 5% nach über 16 Vorlesungen. Kann ja noch werden, denkt der Typ in mir, der niemals aufgibt. Wird schon noch, lautet mein Leitspruch. Nur Loser geben schließlich auf. Solange man eine Aktie welche sich im Verlust befindet noch nicht verkauft hat, solange hat man auch noch keinen wahren Verlust realisiert. Und solange ich mir noch beständig einrede, dass ich meine verlustbringende Aktie (in diesem Fall: Vorlesung Elemente der technischen Mechanik) einfach so lange halten muss bis sie wieder im Gewinn ist (in dem Fall: meinen Prozentsatz von Verständnis von momentan 5% auf 40% zu heben um die Prüfung zu bestehen), solange ist mein Absitzen auf diesem Holzstuhl, welcher sofort nach oben klappt sobald man den Sitz verlassen hat (womit er mir durch die Blume wahrscheinlich mitteilen will „gut, dass du weg bist“) als Erfolg zu werten. Ich bin noch nicht verloren. Der goldene Schnatz bringt 35%. Der ist hier irgendwo. Ich bin jedes Mal erstaunt darüber, welches Ausmaß die Luftschlösser annehmen, welche ich in Elemente der technischen Mechanik vor meinem geistigen Auge zeichne. Warum bewerbe ich mich nicht als Tutor? Alles fällt irgendwann auf einen zurück. Ich darf hier lediglich noch sitzen, weil ich meine Kommilitonen sowie den Professor nicht belästige. Das ist der einzige Grund, warum ich hier noch sitze. Warum man meinen toten Geist noch nicht weggetragen hat. Weil ich niemanden störe und mich daher niemand bemerkt. Ich leide still.