With the lights out, it´s less dangerous
Here we are now, entertain us
Eigentlich bin ich ziemlich froh darüber, dass die Ampelanlage noch angeschaltet ist. Das sich in gleichbleibendem Rhythmus abwechselnde Lichtspiel lässt mich ziemlich fokussiert in die Nacht blicken. Ich glaube zwischen 3 Uhr morgens bis einschließlich 6 Uhr am Morgen ist sie dann doch ausgeschaltet, und dann ist es hier wahrscheinlich tatsächlich ziemlich dunkel. Gemäß Kurt sollte es in dieser Zeit dann eigentlich weniger gefährlich sein, was ich zumindest in diesen paar Minuten hier auf dem Balkon nicht bestätigen würde. Die Ampellichter sind das Einzige was sich jetzt noch bewegt und auf eine seltsame Art und Weise bin ich für diese doch sehr monotone Form der Abwechslung ziemlich dankbar. Die Ampellichter bewegen sich. Bewegung ist gut. Ich habe Bewegung immer mit Leben gleichgesetzt.
Und das Leben, das ist ja wahrscheinlich genau das, wo ich jetzt hinwill, wo ich sein will, wo ich Ich bin, wo ich sein kann, wo ich Ich sein kann. Und das ist vielleicht genau der Grund dafür, dass mir in diesen ganzen Minuten während ich mir die Ampelanlage anschaue nicht langweilig ist. Stillstand ist der Tod – singt Herbert Grönemeyer in „Bleibt alles anders“. Dabei bezieht er sich wahrscheinlich nicht auf eine innerstädtische Lichtsignalanlage aber ich nehme mir den Satz jetzt mal für mich heraus. Es scheint mich zu erfreuen, dass die Ampelanlage hier vor meinen Augen ziemlich kompromisslos und ohne Eintritt zu verlangen für mich vor sich hin agiert. In den letzten fünf Minuten ist kein einziges Auto die Straße entlanggefahren. Das einsame Wechselspiel der Lichtsignalanlage war somit für den innerstädtischen Straßenverkehr vollkommen irrelevant und belanglos. Nicht aber für mich. Bestimmt ist die Ampel insgeheim ein klein wenig froh darüber, dass sich hier auf dem Balkon zumindest einer für sie interessiert. Sie vollzieht insgesamt, und das muss man so sagen, eine sehr monotone Form der Abwechslung, die drei Farben sind unverkennbar immer gleich, und ebenso gleich sind die Intervalle, in denen der Algorithmus das Lichtprogramm abspult.
Aber immerhin sorgt hier zumindest etwas dafür, dass die Welt bzw. der Ort an dem ich mich gerade befinde in zehn Sekunden eine andere sein wird als noch vor zehn Sekunden. Nämlich dann, wenn das Universum bzw. die Kreuzung auf die ich nun schon seit längerer Zeit blicke in neuem Licht erstrahlt. Die sich vor mir abspielende Bewegung ist eine Form der Abwechslung, die es für diese nächtliche Zeit tatsächlich schafft mein Gehirn und meinen Geist zu überlisten und eine Abwechslung zu suggerieren, die meine eigenen Gedanken überstrahlt und wiederum andere untermalt und die, da man ihr schon eine gewisse Aufdringlichkeit zuschreiben muss, mich fesselt aber doch auf eine angenehme und unterhaltsame Art und Weise hier mit mir existiert. Zweifellos ist in mir drin eine gewisse Leere, leugnen kann ich das nicht. Aber langweilig ist mir nicht.
Bewegung ist gut. Bewegung war schon immer gut. Wie und wohin ist erstmal egal, womit und warum schon immer zweitrangig gewesen, wodurch und für wen hat noch nie jemanden interessiert. Nur das wann war immer wichtig – am besten jetzt, jetzt gleich sofort, damit ja nichts stillsteht, zu keinem Zeitpunkt, zumindest nicht solange ich noch Bewegung mit dem Leben gleichsetze und mir diese Gleichsetzung ein Gefühl von Sinnhaftigkeit gibt. Ob ich die Leere in mir drin wirklich zu jedem Zeitpunkt bewusst zulasse kann ich nicht sagen. Nehme ich sie überhaupt bewusst wahr? Jetzt aber auf jeden Fall, und das ist dann auch der Grund dafür, warum meine Sinne nun vollends auf die Kreuzung gerichtet sind und ich dem sich vor mir abspielenden Regelungsapparat gerade im Moment eine ziemlich hohe Bedeutung zumesse. With the lights out? – Hier würde was fehlen.