Im Hinterhof

Von mir aus könnte das jetzt die ganze Zeit so weitergehen. Kurz rechts anhalten, während dem Bremsvorgang schon die rechte Seitentür aufschieben, um dann sogleich bei Stillstand des Fahrzeugs Lebensmittel aller verschiedenster Art gereicht zu bekommen. Kurz nach dem Preis fragen, gedankenlos ein paar passende Geldscheine hinüberreichen und während man die Lebensmittel in Empfang nimmt hat sich der achtsitzige Mini-Van schon wieder in Bewegung gesetzt. Dieser Vorgang findet ca. alle 30 Minuten statt, und gefühlt greife ich bei jedem kurzen Stopp schnell zu, ohne zu wissen, was ich da gerade genau erworben habe. Schmecken tut alles super, und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass wir generell sehr zügig unterwegs sind, habe ich zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass ich gerade meine Lebenszeit verschwende. Ich finde das hier ziemlich gut. Es ist sehr effizient, wenn man zum Essen gehen nicht erst auf einem Rasthof anhalten muss und sich dann in ein Restaurant begeben muss. Während dieser kleinen Zwischenstopps wird einem alles gereicht, was man so für eine mehrstündige Fahrt im Mini-Van benötigt. Ich kann mich also weiterhin voll und ganz meiner Lieblingsbeschäftigung widmen: Nach vorne sowie links und rechts professionell aus den Fenstern rausgucken und beobachten, wie in hoher Geschwindigkeit die Landschaft an uns vorbeizieht. Auf eine merkwürdige Art und Weise habe ich ein sehr hohes positives Grundvertrauen in Menschen die hinter dem Steuer eines Mini-Vans sitzen. Auch wenn es naiv klingt, aber ich glaube, seit dem ich in Indien in der zweiten Reihe in einem vollbesetzen 50-Personen-Bus gesessen habe und durch die Frontscheibe in 100 Metern Entfernung einen Mini-Van auf uns zurasen gesehen habe, ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe, wie dieser Mini-Van dann 10 Meter vor uns wieder auf die richtige Spur ausgewichen ist, als sei dieser Überholvorgang genauso geplant gewesen, seitdem ist in meinem Unterbewusstsein der Glaubenssatz abgespeichert, dass Mini-Vans unkaputtbar sind, dass Mini-Vans sich also immer genauso bewegen, wie sie es in dem jeweiligen Moment für richtig halten, und dass diese Bewegung dann auch oftmals die richtige ist. Und so ist jeder Mini-Van-Fahrer für mich ein Held auf seinem Gebiet, jemand, dem man nicht in seine Arbeit reinquatschen sollte, jemand, der über ein unbewusstes und mir in diesem Moment nicht zugängliches Wissen verfügt, wie man ein kleines motorgetriebenes Fahrzeug mit lebenden Menschen drin mit hoher Geschwindigkeit im Zick-Zack über vietnamesische Land- und Bundesstraßen manövriert. Der wird das hier schon mal gemacht haben, taucht als Gedanke in mir auf. Wir sind nicht die ersten, die diese Fahrt in Anspruch nehmen, ist der Gedanke, der als nächster folgt.

Und mit diesen wohlwolligen Gedanken und den eben gereichten lokalen Spezialitäten bin ich nun tatsächlich in der Lage mich voll und ganz auf diese Fahrt einzulassen. Im Hintergrund läuft in Dauerschleife ein Album eines vietnamesischen Popsängers. Mir gefällt es sehr gut. Wir sind auf dem Weg nach Haiphong, der Hafenstadt im Westen Vietnams an der Halong-Bucht. Sheila will Dung besuchen. Vor einiger Zeit haben sich die beiden in Singapur kennengelernt. Dung hat Sheila angeboten, bei ihnen zu übernachten. Haiphong ist von Hanoi nicht weit entfernt. Wir können den Aufenthalt in Haiphong zeitlich gut einbinden. Wir werden allerdings voraussichtlich lediglich zwei Tage dortbleiben bevor es weiter geht nach SaPa.

Im Bus kann man prima für eine Zeit lang vor sich hindösen. Als ich aufwache stellt ich fest, dass sich Sheila nun schon ziemlich lange mit Vu unterhält. Vu ist bei der letzten Station eingestiegen und hat sich auf den Platz rechts vor Sheila gesetzt. Ich habe nicht genau mitbekommen wie sie ins Gespräch gekommen sind. Vu ist auf dem Weg nach Hause. Er scheint die Unterhaltung mit Sheila sehr zu genießen. In meiner Wahrnehmung reden sie ununterbrochen. Vu scheint Sheila viel über sein Leben und seine kulturelle Prägung zu erzählen. Sie hört zu, und ich merke, dass sie nicht nur aus Freundlichkeit zuhört, sondern dass sie wirklich interessiert ist, an dem was Vu ihr erzählt. Ich selber rede kein Wort mit ihm. Er scheint auch nicht sonderlich an mir interessiert zu sein, aber ich gehe davon aus, dass er registriert hat, dass Sheila und ich zusammen unterwegs sind. Es gibt für mich nicht den geringsten Grund in das Gespräch von Sheila und Vu einzugreifen. Auch wenn ich mittlerweile stark den Eindruck habe, dass er versucht, Sheila von sich zu beeindrucken. Menschen, die versuchen andere Menschen von sich zu beeindrucken können schnell nervig werden, und in meiner Wahrnehmung trifft das auch auf Vu zu. Aber Sheila scheint Vu überhaupt nicht als nervend zu empfinden, und in gewisser Weise freue ich mich für sie, dass sie hier wohl gerade im Moment tatsächlich ziemlich authentische Eindrücke über das Leben in Vietnam erhält. Zumindest lasse ich mich in dem Glauben, denn ich folge Vu´s Äußerungen nicht wirklich. Eigentlich weiß ich gar nicht genau über was sie die ganze Zeit reden.

Wir haben mittlerweile die Stadtgrenze von Haiphong erreicht. Ich bin zwischendurch immer mal wieder kurz weggedöst. Vu und Sheila reden immer noch ziemlich intensiv, was wohl durch die Tatsache untermauert wird, dass Sheila vor ein paar Minuten eines ihrer kleinen Geschenke an Vu überreicht hat. Sheila hat mir zu Beginn unserer Reise gesagt, dass sie jedem besonderen Menschen den sie auf unserer Reise kennenlernt und sympathisch findet eines ihrer Geschenke geben will. Sie hat nur eine begrenzte Anzahl dieser Geschenke bei sich, daher bin ich etwas erschrocken, dass sie jetzt eines an Vu überreicht. Ich hatte bis hierhin gedacht, dass sie sich die Geschenke für Dung und ihre Familie und Freunde aufhebt. Irgendwie übertrieben, denke ich mir leise anstatt es laut zu sagen, denn ich würde sie niemals mit der Frage konfrontieren aus welchem Grund sie jemand völlig Fremden derart beschenkt. Und schließlich weiß ich ja auch nicht über was sie sich in der letzten Stunde so alles ausgetauscht haben. Auch wenn sich nichts an der Tatsache geändert hat, dass ich Vu etwas nervig finde. Doch irgendwie ist noch alles okay. Ich lenke meinen Fokus mittlerweile sowieso mehr auf die Tatsache, dass wir in wenigen Minuten am Zentralbahnhof ankommen werden. Es ist kurz nach 17 Uhr. Die Sonne befindet sich bereits im Sinkflug und so ist es nicht verwunderlich, dass die Abenddämmerung vollends eingesetzt hat, als wir gegen 17:30 Uhr am Bahnhof ankommen. Es ist diese unangenehme Zwischenzeit, in der es nicht mehr richtig Tag, aber noch lange kein richtiger Abend, geschweigen denn eine richtige Nacht ist. Bis zum heutigen Tag macht mich dieses Zeitfenster zwischen sehr spät Nachmittag und sehr früh am Abend nervös. Ungelebte Zwischenzeit, oftmals lediglich genutzt um von A nach B zu kommen. Zu dieser Zeit kehrt niemand ein. Zum Mittagessen ist es längst zu spät, zum Abendessen noch zu früh. Wer jetzt unterwegs ist kommt entweder gehetzt von der Arbeit und hupt die anderen Gehetzten im sich stauenden Straßenverkehr vor sich her. Oder die Person fährt erst jetzt zur Arbeit und hat daher meistens auch keine gute Laune. Ich kann diesem Zeitraum keinerlei positive Energie abgewinnen. Bei mir stellt sich jetzt allerdings eine extreme Wachsamkeit ein, denn wir verlassen nun die geschützte soziale Zelle unseres Mini-Vans, in der uns Essen gereicht wurde und vietnamesische Popmusik uns in den wohligen Traum versetzt hat, dass wir uns um nichts kümmern müssen und trotzdem an unserem Ziel ankommen werden. Jetzt sind wir am Ziel und damit kommt die Erkenntnis, dass jetzt in einen anderen Modus geschaltet werden muss. Mein Geist hat die Mini-Van-Fahrt offensichtlich nicht vollständig mitgemacht und schwirrt teilweise immer noch in Hanoi umher. So fühle ich mich zumindest, als uns das lautstarke Treiben auf dem Platz vor dem Zentralbahnhof begrüßt. Hier geht alles schnell, hier hat nichts und niemand Zeit, aber davon will und darf ich mich jetzt nicht mitreißen lassen. Wir sind völlig fremd, ich bin erst zur Hälfte da und im Hinblick auf die einbrechende Dunkelheit wird mir klar, dass ich die wohlgesonnenen Landschaftsbilder, welche ich eben so zahlreich aufgenommen habe und welche nun vor meinem geistigen Auge wieder erscheinen wollen, jetzt mal besser zur Seite schiebe und mich jetzt mal kurz konzentriere. Wir haben unser Gepäck ausgeladen, stehen aber mittendrin im Geschehen von fahrenden Autos und hetzenden Menschen. Sheila hat Dung bereits mitgeteilt, dass wir angekommen sind. Wir werden hier auf sie warten bis sie uns abholen. Vu hat das natürlich mitbekommen und führt uns zu einem kleinen Hof gegenüber des Zentralbahnhofes, wo wir tatsächlich etwas geschützter stehen. Ich bin wach, denn es ist jetzt innerhalb von ein paar Minuten tatsächlich sehr dunkel geworden. Dung und ihr Ehemann werden wohl noch etwas brauchen bis sie bei uns sind. Hier auf diesem Hof können wir eigentlich sehr gut auf die beiden warten, denke ich. „Wir können auch oben bei mir warten“, höre ich Vu plötzlich sagen. Vu scheint tatsächlich auf der anderen Seite des Hofes zu wohnen. Sheila ist direkt begeistert. „Du wohnst hier?“, frage ich Vu und schaue auf die Häuserfront Richtung Hinterhof. „Ja. Dort links im oberen Stock“, erwidert Vu und deutet mit dem Finger in die Richtung seiner Wohnung. Sein Finger zeigt allerdings ziemlich hoch in die Luft und mir wird klar, dass das oberste Stockwerk tatsächlich ziemlich hoch oben liegt. „Wir gehen hier an der Häuserwand entlang und dann später etwas nach oben“ erklärt Vu. Einen richtigen Weg neben der Häuserwand kann ich nicht erkennen. Ich flüstere leise zu Sheila „Wir haben ziemlich viel Gepäck und es kann gut sein, dass Dung und ihr Mann in ein paar Minuten hier sind. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht mit nach oben zu gehen.“ „Ich will seine Wohnung sehen“, sagt Sheila zu mir. „Ich will sehen, wie er lebt“. Ich spüre, dass sie es ernst meint. Vu scheint es ebenfalls zu merken, und macht sich langsam auf den Weg Richtung Häuserwand. Sheila folgt ihm. Mein Puls steigt etwas. Wir haben den Hof in wenigen Schritten passiert und stehen nun direkt vor dem dunklen Seitengang an der Häuserwand. Vu geht einfach weiter. „Wir können einfach hier langgehen“, sagt er, aber er schaut nicht mehr zurück. Sheila geht hinter Vu her. Ich folge ihr unverzüglich. Mein Puls wird nicht langsamer. Hier ist es jetzt völlig dunkel. „Sheila“, denke ich. Wir gehen jetzt noch ca. zwei Meter, als sich endlich der sich Zweifel-aufbauende Schalter in mir umlegt und eine Reaktion in mir hervorruft.

„Stopp“, sage ich laut und bestimmt. Ich bin direkt hinter Sheila, lege meine Hand auf ihre linke Schulter und hindere sie daran weiterzugehen. „Ich will nicht nach oben gehen“. Das Adrenalin, welches sich in den letzten zwei Minuten in mir aufgebaut hat, das ungute Gefühl, dass das, was wir hier gerade im Moment machen, sich zu 100% falsch anfühlt, hat sich jetzt bis zu diesem Punkt zugespitzt und setzt sich frei. Ich bin jetzt völlig fokussiert. Wenn mich jetzt jemand angreifen sollte, dann bin ich bereit. Ich bin vollständig angespannt. Ich bin jetzt komplett da.

„Warum?“, fragt Sheila. Vu hat ebenfalls gestoppt und kommt langsam auf uns zu. „Ich schleppe jetzt nicht unser gesamtes Gepäck dort hoch. Dung wird in ein paar Minuten hier sein. Lass uns hier unten warten. Sorry Vu, aber ich will nicht, dass die beiden auf uns warten müssen.“ In mir blitzt der Gedanke durch, dass die Notlüge, die ich hier gerade erfinde, uns gerade unser Leben rettet. Ob diese Annahme korrekt ist oder nicht werde ich niemals herausfinden. Aber in den letzten zwei Minuten hat mich mein gesamtes inneres Ich, mein gesamter Körper, mein gesamtes Nervensystem angeschrien und mir mitgeteilt, dass wir uns hier schleunigst aus dem Staub machen sollten. Wenn man als fremder Mensch am frühen Abend bei Einbruch der Dunkelheit an einem öffentlichen Platz in einer fremden Millionenstadt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel ankommt, dann ist man ein leichtes Ziel für jegliche Art von Kriminalität. Wenn man dann noch von einer fremden Person zu dieser Uhrzeit und in Anbetracht der gerade geschilderten Umstände gebeten wird mit in seine Wohnung zu kommen, nachdem man eine anstrengende Busfahrt hinter sich hat und demzufolge etwas müde ist, dann ist allerhöchste Vorsicht geboten. In wie vielen Blogartikeln wurde immer wieder auf die Situation hingewiesen, die eintritt, wenn man abends alleine oder auch zu zweit nach einer langen Reise an einem fremden Ort ankommt. Ich bin ehrlich zu mir und gestehe mir ein, dass ich nicht die geringste Ahnung habe wo wir uns befinden. Ich weiß nicht was uns dort oben in der Wohnung erwartet. Eine Stimme in mir drin sagt mir, dass ich Sheila dort oben im obersten Stockwerk nicht mehr beschützen kann. Zu 99% trägt Vu wahrscheinlich keine Waffe bei sich, aber aus Gründen, die ich mir nicht erklären kann, überwiegen jetzt die 1% Unsicherheit. Es reicht.

„Lass uns zurück zum Hof gehen“, sage ich zu Sheila und drehe sie vorsichtig um. Vu steht direkt neben uns. Falls es jetzt zu einem Kampf kommen sollte dann wird auch einer stattfinden. Falls nun aus Vu das herausbricht, was eventuell oben in seiner Wohnung aus ihm herausgebrochen wäre, dann werde ich Sheila und mich ohne weitere Rücksicht verteidigen. Vu sagt nichts. Er scheint enttäuscht zu sein. Ich gehe mit Sheila langsam zurück durch den dunklen Seitengang, vorbei an der Häuserwand Richtung Hof. Vu geht hinter mir, ich gehe hinter Sheila und weiche jetzt nicht von ihrer Seite. Es gibt keinen Grund laut zu werden, denn uns ist objektiv gesehen nichts passiert und jede Eskalation würde nicht dazu beitragen, dass ich mich sicherer fühle. Sheila scheint die Situation um uns herum noch nicht genau verstanden zu haben. Aber sie geht ruhig vor mir her was im Moment das Wichtigste ist um die Situation gewaltfrei aufzulösen. Wir erreichen den Hof, welcher aufgrund der Straßenbeleuchtung nicht ganz so finster wirkt und mein Sicherheitsgefühl zurückkehren lässt. Für ein paar Sekunden stehen wir lautlos herum, und es ist wohl eine Kombination aus Zufall und Schicksal, dass Dung und ihr Mann gerade in diesem Moment mit zwei Rollern auf der anderen Seite des Hofes ankommen. Sheila verabschiedet sich von Vu. Ich verabschiede mich ebenfalls, aber jetzt geht alles doch relativ schnell. In Windeseile haben wir das Gepäck auf den Motorrollern verstaut. Sheila nimmt hinter Dung Platz, ich hinter ihrem Mann und wir fahren rechts die Hauptstraße runter durch das nächtliche Haiphong. Der Fahrtwind und die Geschwindigkeit lassen mich etwas runterkommen. Ich spüre jetzt eine tiefe Entspannung. In den letzten fünf Minuten hat mein Unterbewusstsein alle negativen Einflussfaktoren denen wir eben ausgesetzt waren aufgenommen und vor zehn Sekunden gebündelt an mich weitergegeben. Nach zehnminütiger Fahrt erreichen wir Dungs´s Haus. Sheila und ich steigen von den Motorrollern ab, während Dung und ihr Mann die Roller an der Seite parken. Ich schaue Sheila an. „Ich freue mich, dass du Vu kennengelernt hast und dass ihr euch auf der Busfahrt gut miteinander unterhalten habt. Aber wir können nicht bei Einbruch der Dunkelheit mit unserem gesamten Gepäck beladen zu einem wildfremden Menschen ins zehnte Stockwerk reingehen. Wir sind hier völlig fremd. In der Bahnhofsgegend innerhalb einer Millionenstadt muss man vorsichtig sein. Es tut mir leid für dich, dass wir nicht mehr Zeit mit Vu verbringen konnten. Aber wenn dir dort oben in der Wohnung etwas passiert wäre, ich hätte mir das nie verziehen. Solange du an meiner Seite bist werde ich auf dich aufpassen und ich habe mich eben extrem unsicher gefühlt.“

Sheila schaut mich an. „Ja, ich glaube du hast Recht. Ich glaube, ich war ein wenig naiv.“ Sie senkt jetzt leicht ihren Blick. Sie scheint jetzt selbst etwas schockiert über sich selber zu sein. „Danke, dass du bei mir bist“.