Sucht

Sind alle Raucher Menschen die etwas verdrängen? Oder gibt es auch Menschen die aus purem Genuss rauchen? Was verdränge ich? Als Raucher habe ich mich nie bezeichnet. Maximal sieben Zigaretten am Tag, kann jederzeit aufhören, sobald ich merke, dass ich abhängig bin höre ich auf. Ich rauche aus Spaß. Ich bin nicht abhängig. Es gibt nichts, dass ich verdrängen müsste. Wirklich? Wer anfängt sich zu erklären hat etwas zu verbergen. Irgendwas tief in mir drin soll nicht an die Oberfläche. Beständig führe ich diesen Unterdrückungskampf. Maximal sieben Mal am Tag.

Aber ich führe ihn. Ich fühle mich gut. Fühle mich wohl, wenn ich rauche. Menschen, die sagen, dass sie sich schlecht fühlen, wenn sie rauchen verstehe ich nicht. Dann lass es doch sein, denke ich mir immer. Ich bin süchtig, entgegnet man mir.

Ach so, ja, die Sucht. Das trifft ja auf Spaßraucher wie mich nicht zu. Jede Zigarette ein Genuss. Volle Fokussierung auf den Moment. Nur wir zwei. Ich und Du. Schade, dass es in zehn Minuten bereits wieder vorbei ist. Wir haben uns so gut verstanden. Egal. Ich sehe dich ja schon bald wieder. Mag ich dich wirklich? Oder missbrauche ich dich für meinen Spaß? Bin ich abhängig von dir? Noch immer verneine ich das.

Ja, ich glaub ich mag dich wirklich. Ich kann ohne dich. Aber ich will nicht ohne dich. Solange mein Wille noch die Oberhand behält, solange ist das keine Sucht. Sucht, das ist was für Alkoholiker und Drogenkranke. Also die harte Schiene. Da wo es ernst wird. Ich? Die paar Zigaretten.

Ich habe Nina erzählt, dass ich bereits seit zwei Wochen keinen Alkohol mehr getrunken habe. Warum hältst du es für erwähnenswert, dass du seit zwei Wochen nichts mehr getrunken hast? So oder so ähnlich war Nina´s Reaktion. Da ich den Alkohol nicht vermisse, wäre auch an dieser Stelle das Wort Sucht fehl am Platz. Gewohnheit, Routine. Das trifft doch zu. Gehört halt dazu, die drei Bier abends in der Kneipe. Mein Leitspruch der letzten Jahre. Mein Fels in der Brandung, um sich dieser Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Will ja schließlich dazugehören. Bin doch einer von euch. Bin doch genau wie ihr. Wir sind doch eins. Ein Problem mit Alkohol? Ich? Keineswegs. Ein Problem ohne Alkohol? In dieser Gesellschaft? Durchaus. Jetzt doch erst kommen die Fragen, die Rechtfertigung verlangen. Aber warum denn nicht? Warum trinkst du nichts? Da sind die Probleme, die keine wären, wenn jeder etwas toleranter wäre. Wenn jeder mal etwas weiter über den eigenen Tellerrand schauen würde. Diese ewige Fragerei. Dieses nicht tolerieren können. Dieses Ich muss verstehen warum du nicht trinkst.

Noch fehlt es mir an der Toleranz, die ich selber predige. Lass sie doch fragen. Sie fragt aus Gewohnheit. Wir sind alle im Suff aufgewachsen. Das kriegt man so schnell nicht raus. Nachts um zwei an der Aral-Tankstelle noch eine Flasche Wodka bekommen. Fusel für fünf Euro. Billig, flüssig, hoch das Glas. Immer verfügbar. Flüssiger Sauerstoff. Wem werfe ich hier was vor? Um den Kopf, an den Kopf, in den Kopf. Lustig war´s. Keine Frage. Warum nicht einfach weitermachen? Bin doch nicht süchtig. Kann jederzeit aufhören. Wie jetzt. Zwei Wochen schon. Bin begeistert. Sonst hätte ich Nina nicht so freudig erregt davon berichtet.

Wahrscheinlich trinkt sie weniger als ich. Sonst hätte sie mich nicht so verdutzt gefragt. Gefragt, warum ich es für erwähnenswert halte, dass ich bereits seit zwei Wochen nichts getrunken habe. Hat sie mich tatsächlich aber auch so nicht direkt gefragt. Eher so durch die Blume. Durch die Hintertür. Aber ich glaube das war der Kern ihrer Aussage.

Jedenfalls habe ich aufgehört. Und wer eine so radikale Entscheidung trifft, der wird doch wohl nach zwei Wochen mal einen Zwischenbericht liefern dürfen? Ich habe Nina´s Unverständnis nicht verstanden. „Ich habe seit zwei Wochen keinen Alkohol getrunken“, habe ich Nina voller Stolz gesagt. Erwartet habe ich Respekt. Nicht Unverständnis. Auf der anderen Seite ist Nina natürlich viel intelligenter als ich. Daher wird an ihrem Unverständnis schon was dran sein. Vielleicht werd ich´s irgendwann verstehen.