Guy

Das Buch von Guy ist gerade noch rechtzeitig angekommen. Ich hatte es mir extra nicht zu frühzeitig bestellt um nicht vor meiner Abreise schon die Hälfte der Kapitel gelesen zu haben. Es kommt mir vor als sei es gestern gewesen, als ich im Tribe Theory in Singapur, dem Hostel für Business- und Start-Up- Typen das Kapitel über öffentliche Reden und Präsentationen gelesen habe. Die englischsprachige Ausgabe von Guy’s Bestseller hatte neben einer Anekdoten-Sammlung von Jim Rogers gelegen. Ich hatte sie gleich in die Hand genommen nachdem ich zuvor Jim’s weisen Worten mit Bedacht gelauscht hatte. So nah wie jetzt war ich Jim wohl noch nie gewesen, und das wohl in doppelter Hinsicht, hatte er doch vor Jahren New York als Dritte-Welt-Stadt bezeichnet weshalb er sich zu einer Umsiedlung in die südostasiatischen Tropen nach Singapur entschlossen hatte. Von hier kann er ja ebenfalls dem Weltgeschehen beiwohnen und bestimmt auch über eine nächste Reise mit dem Motorrad nachdenken. Da hier eigentlich jeder Quadratzentimeter klimatisiert ist halte ich jedoch auch die Möglichkeit, dass die künstliche Kaltluft seine phantastischen Gedanken auf ein reduzierteres Maß herabkühlt, für durchaus realistisch.

Aber zurück zu Guy, der mir bereits nach den ersten paar Sätzen imponiert und zu wissen scheint wovon er da spricht. Guy heißt mit Nachnamen Kawasaki und hat vor ein paar Jahren – ja was hat er da eigentlich geschrieben? Da ich den Titel so ansprechend fand musste ich das Buch einfach in die Hand nehmen. Jetzt bei genauerem Hinsehen fällt mir wieder auf, dass mir sein Werk immer mal wieder zu Gehör gekommen ist. „The Art of the Start“. Klingt nach Aufbruch, klingt nach Anstrengung und Spaß gleichzeitig. Klingt also gut. Ich glaube das Wort “Starten” ist in jedem Kulturkreis positiv besetzt. Starten, das bedeutet Anfang, Starten heißt, ein Motor heult auf, jetzt knallt’s, starten, nicht warten, raus in den Garten, starten ist irgendwie immer geil. Nicht mehr vor dem Alten rechtfertigen müssen, einfach nochmal neu starten. Flieg hoch, du Flugzeug, starte durch, ab in den Urlaub, wieder was Neues, erstmal Richtung Himmel und wohin dann ist völlig egal. Nur nicht bei Guy, der mit seinen Erzählungen wohl einen Wegweiser veröffentlicht hat, um dieses “völlig egal” zu eliminieren. Guy scheint die Umsetzung zu thematisieren, also nicht nur starten, sondern wirklich machen, nicht labern, sondern arbeiten, aber alles mit Plan und Geduld.

Oder geht es doch viel eher um den schwierigen ersten Schritt, also doch überhaupt erstmal anzufangen, den Zündschlüssel umzudrehen, die Schuhe anzuziehen, eine Wohltätigkeitsorganisation zu unterstützen, bei einem Spendenlauf mitmachen, dankbar sein. Klingt jetzt auf jeden Fall mehr nach Anstrengung als nach Spaß, aber von erfolgreichen Extremsportlern hört man ja auch ständig, dass die Phase mittendrin zutiefst spaßentfremdet erscheinen kann und sich die tiefe Zufriedenheit erst viel später einstellt, also sowas wie ein verschobener Spaß quasi. Von Farin Urlaub jedenfalls weiß ich, dass er den Papst bzgl. spaßiger Aktivitäten niemals um Rat fragen würde, und wenn ich an die Liveübertragung von Felix Baumgartner’s freiem Fall aus 30 Kilometern Höhe sowie an die Antrittsrede von Papst Franziskus nach dem Rücktritt Joseph Ratzingers denke dann weiß ich zumindest was bei mir ein intensiveres Spaßgefühl auslöst. Jedenfalls habe ich mir jetzt die englischsprachige Originalausgabe bestellt, bzw. genau gesagt die zweite Auflage, aber ich verzeihe es jedem praxisorientierten Guide nach ein paar Jahren mal ein Update zu erhalten. Weil wegen der Welt die sich dreht und der Zeit die nicht stillsteht und so. Wahrscheinlich sind gerade unruhige Zeiten, aber das ist mir egal. Muss es mir auch, denn ich habe noch nie davon gehört oder gelesen, dass die Zeiten jetzt offiziell mal für zwei Tage ruhig sind. Noch nie hat sich die Hoffnung realisiert, mal offiziell die Erlaubnis zu erhalten sich für einen kurzen Moment mal nicht zu sorgen, einfach mal keine Angst zu haben und mal das tun zu dürfen was man alles machen würde, wenn die Zeiten denn mal endlich ruhig wären. Zu wissen welche Zeit wohl zum Starten und welche zum Dranbleiben besser geeignet ist wäre sicher hochinteressant. Was Guy wohl dazu sagt?

Ich habe mir das gut überlegt. Rede ich mir zumindest ein, denn laut aussprechen kann ich es nicht. Sobald ich es siegessicher und mit voller Überzeugung ausspreche tritt mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder das Gegenteil ein von dem was ich eigentlich will. Ich liebe meine tragenden Gedanken. Also die Gedanken, die Gedanken sind und keine Worte. Vielleicht sprechen Menschen deswegen so viel. Weil ihnen ansonsten der Kopf platzen würde vor lauter Gedanken im Kopf. Wenn ein Gedanke ausgesprochen wurde, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er ab dann nicht mehr im Kopf ist. Das ist der deutliche Vorteil des Aussprechens. Wenn man den Gedanken ausspricht, während man alleine ist, dann muss man sich sogar vor niemandem rechtfertigen. Vor dem Hintergrund sollten also eigentlich viel mehr Menschen viel mehr mit sich selber sprechen um den Kopf frei zu bekommen. Das würde einigen Missverständnissen vorbeugen.

Bei Gedanken, die man hingegen vor anderen Personen äußert, muss man sich wiederum bewusst darüber sein, wie gut man die andere Person kennt und wie aufmerksam sie einem gerade zuhört. Wenn ich das mal bis zum Ende durchspiele, dann komme ich auf insgesamt vier Situationen. In Situation 1 ist mein Gesprächspartner eine wildfremde Person, die zudem noch sehr unaufmerksam ist. Hier muss ich relativ schnell abschätzen, ob ich die Person irgendwann noch einmal wiedersehe oder ob wir in Zukunft Freundschaft schließen werden. Im ersten Fall kann ich eigentlich alles ziemlich ungefiltert sagen was ich gerade denke. Mein Gesprächspartner wird aufgrund der Unaufmerksamkeit sich später nicht mehr an alles erinnern können und wenn wir uns nur dieses eine Mal sehen dann wird die fehlende tiefere Verbindung zwischen uns beiden verhindern, dass von meinen Worten etwas nachhaltig in seinem Gedächtnis bleibt.

In Situation 2 ist der fremde Gesprächspartner nun sehr aufmerksam. Hier muss ich zu jedem Zeitpunkt mit einer Frage rechnen, die mir im ersten Moment etwas unangenehm sein könnte. Irgendwie bin ich in meinem Redefluss jetzt nicht mehr ganz so frei, würde doch eine gezielte Rückfrage mich womöglich souverän mit meinen Schwächen, meinen Widersprüchen, meiner Unzulänglichkeit und meiner Unvollkommenheit konfrontieren. Also alles, was ja eigentlich wegsoll. Was in einem Gespräch mit einer fremden Person nichts zu suchen hat. Wer ist hier der Coolste und wer hat hier die Hosen an. Darum geht´s doch im Endeffekt. Also weg mit allem, was auch nur annähernd das Potential hat, mit einer Form von Selbstzweifeln in Verbindung gebracht zu werden.

In Situation 3 spreche ich mit einem guten Bekannten, der aber sehr unaufmerksam ist. Das Faszinierende hierbei ist die Tatsache, warum ich jemanden als „guten Bekannten“ bezeichne, obwohl mich seine Unaufmerksamkeit doch eigentlich abschrecken müsste. Diese Gespräche sind schwierig. Ich wäge mich in der Sicherheit eines „guten Bekannten“ und frage unbedacht um Rat. Allerdings muss ich damit rechnen, dass nichts von dem, was ich meinem Gegenüber so erzähle, seinen Gedankenapparat durchdringt und wir in irgendeiner Form auf einen selben Nenner kommen auf dem basierend eine tiefere Verbindung entstehen könnte. Meine warmen Gedanken sind dann einfach weg, nirgendwo mehr gespeichert, nicht mehr abrufbar, einfach weg. Gefährliches Pflaster.

Und zum Schluss spreche ich mit einem aufmerksamen Freund. Ein Freund ist jemand, vor dem ich laut denken darf. Hier ist jetzt wirklich alles erlaubt. Das einzige Problem ist die Tatsache, dass mein Freund, da er ja nun Mal mein Freund ist, mich hin und wieder mit meinen Aussagen konfrontieren wird, im Positiven wie im Negativen. Wolltest du nicht eigentlich das und das gemacht haben? Warum hast du denn jetzt damit wieder angefangen, damit wolltest du doch eigentlich aufhören? Gefährliches, aber trotzdem ein gutes Pflaster. Doch sehr schnell gerät man trotzdem in die Rechtfertigungsfalle. Paradoxerweise auch im Gespräch mit einem guten Freund.

Das führt letztlich dazu, dass manche Gedanken doch tragend bleiben. Ich spreche sie nicht aus. Dann kann mich auch niemand an meinem Gesagten messen. Du hast doch gesagt, du wolltest bis dann und dann so und so viel Geld verdienen, na wie sieht´s denn aus? Kann man auf diese Frage tatsächlich nichts antworten? Will ich mich vor einem Freund verstecken? Warum also nicht einfach mal schweigen und in tragenden Gedanken baden. Ich werd´s dir ja schließlich irgendwann schon zeigen. Gebe ich dir meine Gedanken, dann verliere ich den Halt, dann ist die Macht bei dir, und ich muss mir wieder etwas Neues suchen. Ich will aber mal auf einem Weg bleiben. Eigentlich will ich gar nicht so viel hin- und herspringen. Umso mehr ich dir von mir erzähle, um mehr erfährst du von den potenziellen Wegen die ich gehen kann. Umso mehr stehe ich unter dem Druck, diese alle zu erfüllen. Habe dir ja schließlich gesagt was ich will. Und wer weiß, was er will, der ist doch schon fast ganz oben.

Vielleicht war das in der letzten Zeit tatsächlich ein bisschen viel Wollen. Kann man zu viel Wollen? Kann man zu viel in verschiedene Richtungen gehen? Geht man eigentlich auf Erkundungstour, weil einem so langweilig ist, das Wichtige und Richtige vor sich herschiebt oder will man wirklich wissen was da hinten ist? Und wenn es einen so brennend interessiert, was da hinten ist, warum haut man dann nach fünf Minuten direkt wieder ab und bleibt nicht mal eine Zeit lang dort?

Tatsächlich breche ich wieder auf, aber dieses Mal mit dem Ziel, wieder irgendwo zu sein. Und für eine Zeit lang dort zu bleiben. Guy jedenfalls kommt mir mir. Im Starten scheint er ja wie gesagt viel Erfahrung zu haben. Es ist gut, einen wie ihn dabei zu haben. Es kann nie schaden, etwas Starthilfe zu bekommen. Mal sehen, wie lange Guy bei mir bleiben wird. Wenn ich an meinem Zielort angekommen bin, wird er dann noch bei mir sein? Oder wird er dann schon längst etwas Neues gestartet haben und mich zwischendurch verlassen, weil ich mich jetzt wirklich mal nach einem ruhigen Ort sehne um dort zu bleiben? Aber das ist jetzt auch nicht so wichtig. Gute Freunde zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen auch mal in Ruhe lassen können. Ich habe mir das gut überlegt. Und ich weiß ja schließlich, was ich will.